Über Umwege in die Selbstständigkeit

Über Umwege in die Selbstständigkeit

Manchmal muss ich mich kneifen, um mein Glück zu fassen. Und manchmal wird mir bewusst, dass das alles mit Glück wenig zu tun hat. Sondern einfach nur mit mir.

Wenn ich so zurückblicke und mir das Auf und Ab meines Arbeitsweges ganz genau anschaue, hat mich jede einzelne Phase genau an den Punkt geführt, an dem ich jetzt voller Stolz stehe! Bist du bereit für eine kleine Zeitreise? Schauen wir uns das Ganze doch mal genauer an:

 

1999 | Farvel Danmark, hallo Waldorfschule

Ich wuchs vier Jahre mit Mama, Papa, älterer Schwester und eineiiger Zwillingsschwester wohl behütet in Dänemark auf. Mit sechs verschlug uns das Leben dann allerdings wieder zurück nach Deutschland – Nach langen Überlegungen meiner Eltern, entschieden sie sich, uns auf die Waldorfschule zu schicken, für ein neues Kapitel hier zurück in Deutschland. Ja, so richtig mit Namen tanzen und ohne Noten! Ich liebte es, mich in den kreativen Fächern auszutoben und meine Schwäche für Mathe nicht weiter zu beachten. Eine Traumwelt für ein verträumtes Mädchen! Doch der Traum platzte, als meine Eltern sich trennten – ein neuer Schulwechsel, ein neuer Ort, alles auf Neuanfang.

Ich war nicht wirklich bereit für das nächste Kapitel, aber wann ist man das schon?

2007 | “Zu dumm” fürs Gymnasium?

Meine Zwillingsschwester Saskia und ich wechselten also aufs Gymnasium und merkten auch nach Überwindung des Kulturschocks, dass das hier absolut nichts für uns war. Mama hatte uns mit besten Absichten an dieser Schule angemeldet, aber das Gymnasium ist nunmal nicht für alle die beste Lösung. Und das hat nichts mit “zu dumm zum Lernen” zu tun! Der akademische Druck, die neuen Mitschüler, die Fächer, die uns einfach keinen Spaß machten, aber zum guten Ton der hohen Schulbildung gehörten – all das machte uns jeden Tag von 8:00 bis 13:00 Uhr fertig. Um uns nicht komplett den Spaß am Lernen zu verderben, meldete Mama uns in der Hauptschule auf dem Dorf an. Wir brauchten keinen Bus, kannten schon einige der Mitschüler und fühlten uns direkt viel wohler. Mit 16 hatte ich meinen Abschluss in der Tasche und entschied mich, den Realschulabluss berufsbegleitend hinten dran zu hängen. Ein Fan von Schulbankdrücken war ich absolut nicht, doch was ich beruflich überhaupt werden wollte, erst recht nicht! Aber eins war mir immer klar: Ich wollte die Kreativität aus meinem Kopf in die Welt loslassen und das würde ich mit Bruchrechnen garantiert nicht schaffen.

2011 | Das enttäuschende Traumpraktikum

Für den berufsbegleitenden Realschulabschluss wählte ich einen Praktikumsplatz in einem Beruf, der perfekt für mich erschien: Raumausstatterin.
“Streichen, umstellen, dekorieren – und dann wieder von vorne” war irgendwie schon immer mein Motto. Doch das Praktikum entwickelte sich zum absoluten Kreativitäts-Killer: Gardinen aufbügeln, Heftklammern aus Unterlagen ziehen, Teppiche ein- und ausrollen..., ich will hier weg.

Und das tat ich dann auch: Meine Tante ließ ihre Beziehungen spielen und so landete ich bei einer One-Woman-Agentur als Praktikantin in der Mediengestaltung. Eigentlich sollte ich diese Stelle nur als Übergang und zum Bewerbungen schreiben nutzen, doch plötzlich waren sechs Monate rum und ich im Gestalten immer fitter. Nach dem Praktikum hatte ich meinen Realschulabschluss schließlich in der Tasche und durfte mich mal wieder fragen, was ich denn nun mit meinem Leben anstellen wollte.

 

2012 | Ausbildung oder Ausbeutung? Beides bitte!

Nach einem sehr kurzen Abstecher ins Thema “Fachabitur für Wirtschaft & Verwaltung”, bekam ich den erlösenden Anruf von meiner ehemaligen Praktikums-Chefin: “Judith, ich bräuchte Unterstützung. Willst du nicht eine Mediengestalter-Ausbildung bei mir machen?” Und wie ich das wollte! Ich pfiff auf die sichere Fachabi-Schiene und gehörte zu den vom Lehrer prognostizierten 60%, die “den Abschluss sowieso nicht durchziehen”. 


In meiner Ausbildung lernte ich all die Grundlagen, die mich meine gesamte Karriere begleiten würden. Ich ging voll in dem Thema auf und liebte es einfach, meine Ideen sichtbar zu machen. Ich liebte es so sehr, dass ich anfangs nicht bemerkte, wie sehr ich ausgenutzt wurde. Ich hielt mich weder an die vorgegebenen Arbeitszeiten, schulterte viel zu viel gestalterische Verantwortung für das lächerliche Gehalt eines Azubis und ließ die Berufsschule mit vollster Unterstützung meiner damaligen Chefin schleifen. Trotz den signalroten Warnzeichen, dachte ich bis zum Ende meiner Ausbildung, dass das hier mein Arbeitsplatz für immer sei.

Ach Judi, da ist doch noch so viel mehr!

2015 | Odernicht? Oderdoch!

Aus einem kleines Hobby als Model für Lichtpoesie, wurde doch tatsächlich eine Festanstellung bei Odernichtoderdoch – einer frisch gegründeten Schreibwaren Marke von und mit der lieben Joana. 

Hier konnte ich mich nun so wirklich ausleben: Die Marke war noch so jung, dass der Stil zwar in eine Richtung ging, aber noch nicht eingefahren war. In jedem Produkt, das ich nun designte, steckte also auch ganz viel Judith drin. Selbstironie, Pastelltöne, witzige Sprüche, süße Illustrationen – das passte zu mir. 

Doch nur eine Stilrichtung wurde irgendwann auch ein bisschen langweilig. Als Joana und ich einen etwas “erwachseneren” Stil umsetzen wollten, machten wir das einfach: Hallo JO & JUDY (oder: Joana & Judith).


Odernichtoderdoch und JO & JUDY sind ein ganz großer Teil meiner Karriere. Meines Lebens, um ehrlich zu sein. Ohne die Menschen, die ich dort in mein Herz schließen konnte, ohne die gestalterischen Freiheiten und die mal mehr, mal weniger festen Strukturen, fand ich heraus, was mir lag, was mir Spaß machte und dass sich Arbeit nicht immer nur nach Arbeit anfühlen musste.

So viele Vorteile mein Leben als Designerin in Vollanstellung mit sich brachte, so sehr wurde ich doch die “Komm wir machen mal was anderes”-Judith in meinem Kopf nicht los.

2020 | Hier kommt Business-Judi

Schweren Herzens und mit Lust auf alles, was da noch kommen sollte, kündigte ich zu Juni meinen sicheren Job und sprang ins Abenteuer Selbstständigkeit.


Verdammt, das ist ganz schön beängstigend so ohne doppelten Boden! Aber so ganz ins kalte Wasser musste ich zum Glück nicht springen. Durch meine Instagram-Reichweite, Kooperationspartner und vorherigen Freelancer-Aufträge konnte ich auf einige Connections zurückgreifen. Durch Folgeaufträge verdiente ich mir mein Sicherheitsnetz und konnte nun endlich die kreativen Projekte in Angriff nehmen, die mir schon seit Jahren in den Fingerspitzen kitzelten.


Ich designte, produzierte und vermarktete mein allererstes eigenes Projekt, das Lettering Journal, im Sommer 2020. Die Unterstützung und das Feedback aus meiner Community war überwältigend und so beflügelnd, dass neue Schnappsideen plötzlich machbar erschienen. Doch so ganz allein wollte ich nicht bleiben:

Ich suchte mir Unterstützung für organisatorische Themen, die mir nicht lagen und nahm kreative Hilfe an, um Youdiful noch größer, bunter und liebevoller zu machen. 

2021 | Und jetzt? Weitermachen!

Ich habe einen Kopf voller Ideen für neue Produkte, will so viel umsetzen und kann es kaum erwarten, dass auch einfach so zu tun. Denn wer soll mich schon aufhalten? Ich mich selbst sicherlich nicht!

youdiful Coffee Table book about me Judith Frietsch

 

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